Die Rochdale Barracks in Bielefeld sind Schauplatz der zweiten Residency von TRANSURBAN. Im Fokus stehen urbane Künste und Quartiersentwicklung.

Ein geschlossenes Tor, das ganze Gelände mit Stacheldraht umzäunt – auf dem ersten Blick könnte man meinen, es habe sich kaum etwas verändert. Seit Jahrzehnten ist das Gelände der Rochdale Barracks, einem ehemaligen britischen Kasernenstandort, für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Barracken befinden sich mitten im Zentrum von Sieker, einem eher familiären, leicht verschlafenen Bielefelder Stadtviertel, nur 10 Minuten mit der Bahn von der Innenstadt entfernt, in nächster Nähe zum Teutoburger Wald. Auf den etwa 9 Hektar Fläche Abgeschottenheit befinden sich die Mitte der 1930er erbauten Gebäude aus rotem Backstein, mehrere große Lagerhallen und Parkplätze – viel Stein, viel Beton, viel Leerstand. Die letzten britischen Streitkräfte wurden 2020 abgezogen. Was nun? Anderthalb Jahre später versammeln sich nun einige Neugierige vor dem geschlossenen Tor: Hier tut sich doch etwas.

welcome to the transurban residency

Es ist Mitte August. Eröffnungstag der TRANSURBAN Residency. TRANSURBAN, dahinter steht eine Plattform für urbane Kunst aus Nordrhein-Westfalen, die Städte, deren Akteur:innen und Programmgestaltung vernetzt. Gemeinsam mit diesem Netzwerk werden fortlaufend neue Städte, Partner, Programmformate und Räume erschlossen. Das Ziel: Künstler:innen, Nachbarschaften, Forschende, Studierende und Dozierende, Verwaltung und Politik engagieren sich gemeinsam für zukunftsfähige Städte. Inmitten urbaner Landschaften initiiert das TRANSURBAN-Kollektiv Foren für Austausch, städteübergreifende Diskurse und künstlerische Verhandlungen öffentlicher Räume. Unter dem Motto „Building common spaces“ reist die TRANSURBAN Residency drei Jahre lang durch die Kulturregionen des Landes Nordrhein-Westfalen. Nachdem 2021 der Startschuss im Ruhrgebiet gefallen ist, ist das TRANSURBAN-Team in diesem Jahr in Ostwestfalen-Lippe (kurz: OWL) zu Gast, im kommenden Jahr wird wahrscheinlich der Niederrhein zum Ort des Geschehens.

Nun also Bielefeld. Die Residency hier stattfinden zu lassen, habe sich angeboten, erklärt Georg Barringhaus, künstlerischer Leiter: „In OWL gibt er derzeit überall diese Konversionsprozesse und da dachten wir uns, das macht wahrscheinlich Sinn, hier direkt auf die Kommunen zuzugehen.“ Denn leerstehende Kasernengelände der britischen Streitkräfte befinden sich nicht nur in Bielefeld. Auch in anderen nahegelegenen Städten eröffnen sich durch den Abzug neue Perspektiven wie in Paderborn, Gütersloh oder Herford. Stadt und Bewohner:innen fragen sich, was mit den leerstehenden Stadträumen passieren sollte und könnte und haben Ideen.

Pläne für die urbane Gestaltung dieser und der Rochdale Kasernen gibt es bereits, doch bis zur Umsetzung könnte noch einige Zeit vergehen. Die Residency hat sich als Zwischennutzungskonzept hier eingefunden, um mit anderen Protagonist:innen die Zukunft des Quartiers gemeinsam zu gestalten. Ein Modell für die gesamte Region? Vieles spricht dafür. Das Rochdale Quartier ist nicht nur Teil der Residency sondern neben anderen Orten auch Projekt der  Regionale 2022,  eine regionale Strukturfördermaßnahme in Nordrhein-Westfalen.

Der Lonnerbach ist unter dem Beton verschwunden. Das bunte urban art Kunstwerk auf dem Boden, zeigt wo er entlang fließt.

Endlich, die Tore werden geöffnet. Besucherinnen und Besucher aus Bielefeld und von außerhalb betreten das Gelände zum ersten Mal. Darunter auch solche, die seit Jahrzehnten in Sieker leben und immer nur von außen die Rochdale Barracks betrachten konnten. Das Interesse ist entsprechend groß. Auch Brigitte Brand, Leiterin des Kulturamts Bielefeld ist am Eröffnungstag mit dabei: „Das Gelände hat natürlich eine ganz große Bedeutung. Der Großteil der Gebäude soll auch in Zukunft erhalten werden und das ist ja ganz spannend, weil ich wichtig finde, dass man einem Quartier seine Wurzeln auch ansehen sollte. Und das ist ja auch ein wichtiger kultureller Aspekt.“

Das ist eine riesige Chance, die wir hier haben.

Brigitte BrandKulturamt Bielefeld

Ein Container und ein Stand am Eingang mit Infomaterial informiert die Besucherinnen und Besucher über das, was in den nächsten Wochen hier passieren wird: Ein buntes Programm an künstlerischen und musikalischen Performances, Dialogen zwischen verschiedenen Akteur:innen darunter Bürger:innen und Politik, viel urbane Kunst wie architektonische Interventionen durch das italienische Kollektiv Orizzontale. Die Besuchenden „erwartet ein niedrigschwellig Programm, mit vielen Angeboten zum Mitmachen“, so Georg Barringhaus. Die urbane Kultur, das wird schnell klar, sie spielt heute und in den kommenden Wochen eine besondere Rolle. Sie soll nicht zu kurz kommen im Umgestaltungsprozess der Rochdale Barracks. Das wäre auch im Sinne von Brigitte Brand: „Wir haben gerade einen Prozess am laufen, eine großangelegte Kulturentwicklungsplanung, wo es auch ganz stark um Kulturräume geht, die in Bielefeld einfach knapp sind. Und wenn man so ein Projekt dann ganzheitlich denkt und entwickelt, mit Kultur, mit Sport, mit Gewerbe… Ich glaube, dann ist das eine riesige Chance, die wir hier haben.“

kommt und macht mit

Ein weiterer wichtiger Teil des Programms: Partizipation statt nur zuschauen. Möglichst viele Bielefelderinnen und Bielefelder sollen ermuntert werden mitzumachen, zu diskutieren und sich zu engagieren. Genau richtig so, meint Matthias Gräßlin. Als Kulturschaffender engagiert sich im Bielefelder Kulturpact, ist Leiter der Theaterwerkstatt Bethel und Initiator deren Volxtheaters. Dahinter steckt ein Theater aus der Bevölkerung, für die Bevölkerung. Matthias erklärt: „Wir schaffen bewusst einen Rahmen, in denen Hinz und Kunz Themen einbringen können oder schauen, wie sich die Menschen zu Themen verhalten.“

Hier sieht er Überschneidungen mit TRANSURBAN: „Urbane Künste stellen ja die ganze Zeit formen her, die um Betrachtung bitten, und das ist das was mich interessiert, was uns als Theaterwerkstatt interessiert und als Bielefelder Kulturpact.“ Mit seinem Volxtheater ist er deshalb auch Teil des Programms von TRANSURBAN. In den Rochdale Barracks sieht er die Möglichkeit Quartiere mithilfe von Kultur und Kunst ganz neu zu denken: „Wenn ich mich wirklich auseinandersetzen will mit Stadtentwicklung durch künstlerische Mittel, dann sind natürlich die rohen, nicht bearbeiteten, verlassenen, vernachlässigten Orte interessant, einschließlich quasi verlorenen Orten nämlich Quartieren, in denen Menschen mit Sozialstatus leben, der kurz vor Vergessen ist.“

Matthias zeigt seine Lieblingsorte auf dem Gelände

Zukunftsvisionen

Auch Miriam Juschkat ist heute auf dem Gelände. Sie studiert Fotografie an der FH Bielefeld. Über ein Seminar kam sie in Berührung mit dem Gelände und ist dadurch mit ihren Arbeiten Teil der Residency geworden. „Wir waren recht frei darin uns Inhalte zu suchen. Das ging in verschiedene Richtungen. Manche Leute haben sich mit der Geschichte befasst, andere mit dem Jetzt-Zustand. Und ich hab mich eben mit einer zukünftigen Vision damit auseinander gesetzt, was hier eben mal stattfinden könnte, oder wie man die Gebäude nutzen könnte.“

Ihre Arbeiten fügen sich in die Fensterfassade der ehemaligen Sporthalle der Barracks ein. In ihren Fotos setzt sie sich mit dem Bedarf von Raum für Kunst und Kultur auseinander. Auf den großflächigen Gläsern werden diverse Künstler:innen aus Bielefeld bei ihrer Arbeit gezeigt. Gemeinsam wollten Fotografin und Künstler:innen die leeren Räume der Barracks neu beleben. „Das sind jetzt keine ‚So soll es sein!‘, sondern das soll einfach erstmal so eine kleine Idee geben und eben Anstoß geben, darüber nachzudenken, dass der Raumbedarf eben gegeben ist, und man Leerstand gut damit reaktivieren könnte“, so Miriam zu ihren Arbeiten. Inspiration fand sie im ehemaligen Kulturhaus Bielefeld. „Das war eben auch so ein toller Ort, der aus der Arbeit von vielen einzelnen Künstler:innen und Kulturschaffenden entstanden ist. Die mussten ziemlich kurzfristig schließen, weil dort Geflüchtete untergebracht wurden. Und dann hab ich gedacht, ‚Okay, wir sind jetzt auf diesem riesen Areal. Wäre das nicht auch möglich kreative Leute hier unterzubringen, also Ateliers, Proberäume, die einfach Bedarf haben?‘ “

Das ist wie Kreativurlaub.

Matthias GräßlinTheaterwerkstatt Bethel

Miriam Juschkat, Brigitte Brand und Matthias Gräßlin sind nur drei der zahlreichen Akteur:innen, die das offene Programm und die Gestaltung von TRANSURBAN mitgestalten. Wie viele sind insgesamt dabei, frage ich Georg Barringhaus. Er überlegt: „Ganz schön viele.“ Alleine 80 Studierende sind involviert, das Architektur- und Kunstkollektiv von Orizzontale reise mit etwa 12 Personen an, dazu kommen Beteiligte aus Kulturszene, der Stadt Bielefeld und nicht zuletzt die vielen Ehrenamtlichen aus Bielefeld und direkter Nachbarschaft, die sich engagieren. Zur Eröffnung backte die Nachbarschaftsinitiative um das Areal Kaserne Rochdale Kuchen und kümmerte sich um die Versorgung der Gäste.

Viele Menschen, die sich engagieren und mitsprechen möchten bei der Gestaltung ihrer Stadt. Das bringt auch seine Herausforderungen mit sich: „Ich denke, hier werden viele Interessen vertreten zu sein und die gilt es hier dann zusammenzubringen, oder eben auch Gespräche zu führen und zu moderieren. Aber es ist wichtig, die Anwohner:innen und die Nachbarschaft mit ins Boot zu holen“, sagt Miriam Juschkat.

Die Resonanzen bisher sind gut. Das liegt nicht zuletzt auch an der Art und Weise des Programms: „Das ist wie ein Kreativurlaub. Alle, die daran interessiert sind, können tätig werden. Hier soll was entstehen und jede Hand, die ein Werkzeug in die Hand nehmen möchte, die kann das tun und mitbauen. Nicht nur zur Umsetzung der Pläne von anderen, sondern um ganz aktiv mitzugestalten.“ Das Konzept sei nicht nur attraktiv für Bielefeld, so Matthias. „Schließlich haben wir eigentlich in der Stadt überall Orte in denen man was machen kann, wenn man sich traut. Dafür muss ich mich ermutigen, das ist hier sehr inspirierend.“

Die Idee hinter TRANSURBAN wird bereits beim ersten Besuch klar: Der intensive gemeinsame Austausch zwischen Kunst- und Kreativszene, Politik und Verwaltung, Bürgerinnen und Bürgern lohnt sich am Ende. Bekannte und ungenutzte Stadträume erhalten durch deren Ideen wieder neue und Attraktivität. Menschen werden angezogen, die sich hier vorübergehend, für längere Zeit oder für einen Kurzbesuch aufhalten und nicht zuletzt auch inspiriert, mitzumachen.

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