Eine Ausstellung im Museum Kunstpalast bringt die Techno-Ära zurück. Co-Kurator Alain Bieber führt uns durch die Schau ‚Elektro. Von Kraftwerk bis Techno‘ und erklärt, wie – und warum – man in Düsseldorf ein Lebensgefühl ins Museum holt.

Ein kurzer dunkler Flur. An dessen Stirnseite pulsiert ein grellgrün beleuchteter Smiley, aus den Boxen wummert Acid House des französischen Techno-DJs Laurent Garnier. Die kunstgewordene Pille von Bruno Peinado, die mich am Eingang der Ausstellung ‚Elektro. Von Kraftwerk bis Techno‘ erwartet, ist jugendfrei, erweitert sie doch eher mein Wissen als mein Bewusstsein. Willkommen im Club!

„Die Ausstellung ist durchaus tanzbar“, begrüßt mich Alain Bieber, künstlerischer Leiter des NRW-Forums und Co-Kurator der Schau. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten im Halbdunkel der hohen Räume fühle ich mich zurückversetzt in einen Clubabend der 90er.

Der Düsseldorfer Kunstpalast bringt das Lebensgefühl des Technozeitalters ins Museum und erzählt nebenbei die 100-jährige Geschichte der elektronischen Musik. Ein denkwürdiges Treffen in einem ehrwürdigen Rahmen, und alle sind versammelt: Laurent Garnier, der die Playlist zur Ausstellung liefert. Jeff Mills, der sein vom Dauergebrauch gezeichnetes Flightcase mit Platten dagelassen hat, das wie eine Skulptur im Spotlight steht, Sinnbild des atemlosen Lebens der DJ-Legende aus Detroit. Karl-Heinz-Stockhausen, der als Vater der elektronischen Musik gilt und dessen Tonstudio aus der verstaubten Versenkung eines Kölner Depots gehoben wurde. Vis-a-vis finden sich Jean-Michel Jarres Laserharfe, einige Schritte weiter die Devotionalien seiner Landsmänner von Daft Punk. Trotz kürzlicher Trennung des Duos liegen die ikonischen Helme und Handschuhe von Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter in trauter Eintracht in der Vitrine.

Alain Bieber
Künstlerischer Leiter des NRW-Forums
und Co-Kurator der Ausstellung

Berlin - das Epizentrum der Szene

Einen Logenplatz im Metallgerüst gegenüber hat Flat Eric bekommen, der sich seine Meriten nicht nur im Video zum 1999er Hit ‚Flat Beat‘ von Mr. Oizo verdient hat, sondern auch in Werbespots von Levis’s. Die fellige gelbe Jim-Henson-Puppe genießt den besten Blick auf das Modell des berühmten Berliner Technoclubs Berghain. Die Geschichte der elektronischen Musik ist nicht zuletzt auch eine deutsche Geschichte. „Berlin in den 90ern, nach dem Mauerfall, war Epizentrum der Szene. Der Tresor, das WMF und der Bunker auf der Friedrichstraße zählten zu den besten Technoclubs überhaupt.“ Auch Alain Bieber ist ein Kind dieses Jahrzehnts, und wenngleich seine musikalische Leidenschaft damals dem Hip-Hop galt, hat er auch selbst in den genannten Clubs gefeiert.

Zwei weitere in Berlin erdachte Superlative und Meilensteine der internationalen Rave-Kultur sind die Loveparade und die Mayday. Von solchen Großveranstaltungen erzählen Andreas Gurskys epische Fotografien, die in einem Raum versammelt sind. Gursky gilt als enger Freund der DJs Westbam und Sven Väth. „Andreas Gursky ist mit der Techno-Szene seit vielen Jahrzehnten eng verbunden. Ihn fasziniert die Körperlichkeit und das Lebensgefühl – dies hat ihn auch zu seinen Fotografien über die Mayday Raves inspiriert.“ erklärt Alain Bieber die Verschränkung von Musik und Kunst. Eine scharfe Trennlinie zwischen beiden Disziplinen sieht er nicht. „Audiovisuelle und visuelle Kunst sind eng verzahnt.“

Diese These stützt auch ein weiteres Exponat: die Fotografie eines Transformators, aufgenommen von Bernd und Hilla Becher, die das Inlay eines Kraftwerk-Albums ziert. Und dass natürlich auch die Kunst von Kraftwerk selbst in der Schau nicht fehlt, ist bereits deren Titel zu entnehmen. Das Düsseldorfer Multi-Mediaprojekt wurde 1970 von Ralf Hütter und dem inzwischen verstorbenen Florian Schneider gegründet. Kraftwerk gilt weltweit als Wegbereiter des Techno. Die vier Roboter der Elektro-Pioniere, deren Ästhetik heute so visionär wirkt wie damals, überblicken von einem einstöckigen Gerüst aus die Halle. „Die Roboter waren erst ein Mal in einem deutschen Museum öffentlich zu sehen“, bemerkt der Co-Kurator nicht ohne Stolz. „Sieh genau hin. Sie bewegen sich.“ Und tatsächlich. Als ich die vier mannshohen Figuren länger ins Visier nehme, dreht eine der Menschmaschinen mir den Kopf zu.

„Es war kein leichtes Unterfangen, die Musik- und Lebenskultur der Techno-Ära ins Museum zu bringen“, gesteht Bieber. Der Hauptkurator der Ausstellung, Jean-Yves Leloup, ein Pariser Klangkünstler, DJ und Journalist, der selbst tief in der Szene verwurzelt ist, hatte bereits 2017 damit begonnen, einen großen Teil der 500 Exponate zusammenzugetragen. Unterstützt durch das Kraftwerk-Mastermind Ralf Hütter stieß Bieber dann für die Düsseldorfer Ausstellung dazu. „Eine Herausforderung war sicherlich die große Anzahl der Werke: Wir zeigen Exponate von über 100 Künstler*innen und Musiker*innen.“

Der Raum über Kraftwerk, in dem die acht Konzeptalben in Ton und Bild präsentiert werden, ist das Herzstück unserer Ausstellung.

Alain Bieber

Die Schau, die zuvor in der Philharmonie de Paris und anschließend im London Design Museum gezeigt wurde, hat für Düsseldorf eine ordentliche Portion Lokalkolorit bekommen. „Die enge Zusammenarbeit mit Ralf Hütter war spannend und eine große Bereicherung“, sagt Bieber über sein Zusammentreffen mit dem in aller Welt verehrten Kraftwerk-Mitbegründer. „Der Raum über Kraftwerk, in dem die acht Konzeptalben in Ton und Bild präsentiert werden, ist das Herzstück unserer Ausstellung.“

Am liebsten würde ich mich jetzt von ‚Autobahn‘ ‚Trans Europa Express‘, ‚Computerwelt‘ und ‚Tour de France‘ entführen lassen und den Museumstag in eine lange Club- und Videonacht verwandeln. Doch Alain Bieber muss weiter. Morgen eröffnet die Ausstellung und die letzten Handgriffe sind noch nicht getan. Beim Verlassen des Kunstpalasts bin ich von den treibenden 120 BPM noch immer ein bisschen berauscht. Draußen empfängt mich das Licht der untergehenden Sonne. Was? Wirklich?! Schon so spät?

Vom 9. Dezember 2021 bis 15. Mai 2022

Die Ausstellung im Kunstpalast läuft vom 9. Dezember 2021 bis 15. Mai 2022. Sie beleuchtet die Ursprünge des Techno-Genres und zeigt die Verbindungen zwischen elektronischer Musik, zeitgenössischem Design und Kunst auf.

📍 KUNSTPALAST, Ehrenhof 4-5, 40479 Düsseldorf

Text: Ilona Marx
Fotos (in der angezeigten Reihenfolge):

1. Gurskya May Day III
2. Alain Bieber (von B. Babic)
3. Khrist NAME2018 Danseur
4. Jean Michel Jarre’s Virtuelles
5. Leve Manfred, NJ Paik und K.O.
6. WDR Studio Köln, Studio für Elektro
7. Stockhausen, WDR 1969-10-29
8. KRAFTWERK ROBOTER BOETTCH