Urban Gardening. Mietäcker. Schrebergärten. Kräutertouren?

Der Trend, sich im urbanen Dschungel dem Grün zu widmen und selbst zu ernten, was man säht, geht steil nach oben… Und ich mit ihm auf dieser Tour auf den Spuren der Kräuter des Ruhrgebiets rauf auf die Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen. Ich pflücke selbst. Und probiere sogar wagemutig. Unter Anleitung natürlich. Schließlich ist nicht alles essbar. Aber überraschend Vieles.

Die erste Herausforderung, vor die uns die Kräuter-Expertin Ursula Stratmann heute deshalb stellt, lautet, ihre Schätzchen – wie sie alle Pflanzen, die uns heute begegnen liebevoll nennt – ihren Blüten nach auf laminierten Bildern in eine von zwei Kategorien zu stecken: essbar oder besser nicht. Von erstaunlich wenigen Gewächsen sollte man die Finger lassen. Hortensien-, Krokus- und Narzissenblüten sehen zwar schön aus, gehören jedoch zur letzteren Sorte und sind unbekömmlich. Die lila leuchtende Blüte des Eisenhuts ist die giftigste. So viel zur Theorie.

In der Praxis machen wir vor dem Japanischen Staudenknöterich Halt. Hier bei uns im Ruhrgebiet macht er sich gerne breit. Wir sind ihm alle schon begegnet. Vor allem diejenigen, die im Stau gerne einmal die Flora begutachten, dürften ihn kennen: Er ist nicht wählerisch und lässt sich überall dort nieder, wo man ihn lässt. An Autobahnen zum Beispiel. Aber auch auf der Halde Rheinelbe. Hier wächst er ganz unberührt – und ich beobachte mich dabei, wie ich das erste Grünzeug direkt aus der Natur in meinen Mund stecke und kurz darauf einen Löffel Fruchtmus aus Staudenknöterich, das Ursula für uns zuhause vorgekocht hat. „Schmeckt ein bisschen wie Rhabarber.“, sagt sie. Ich stimme ihr zu.

Der Japanische Staudenknöterich & die Nachtkerze

Heimatgarten

Um die 150 Kräuter seien auf der Halde zuhause. „Wenn ihr botanisch viel erleben wollt, braucht ihr nicht zu verreisen. Im Ruhrgebiet habt ihr alle Pflanzen der Welt auf einem Fleck.“, wirbt Ursula grinsend für ihren „Heimatgarten“. Das ist so, weil auf dem Gestein der Halde alles wächst, was mit wenig Wasser auskommt – oder sehr lange Wurzeln hat, um sich aus tieferen Schichten damit zu versorgen. Wie der lila Natternkopf zum Beispiel.

Und keine Sorge: Die Halde Haniel ist kein Altlastenstandort. Sie ist einfach ein riesiger Berg aus taubem Gestein, das von 1873 bis 1928 rund 500 Bergleute zutage gebracht haben. Ganz so taub, wie gedacht, war der Steinaushub jedoch nicht: Einiges an Restkohle und der hohe Druck der Gesteinsmassen brachte die Halde jahrzehntelang zum Glühen. „Durch die hohe Temperatur von 400 Grad sind stellenweise die Geröllschichten richtiggehend zusammengebacken. Nach dem Ende der Aufschüttung wurde die Halde stellenweise mit Tonboden bedeckt, um den Schwelbrand zu stoppen.“, berichtet Ursula.

Lila Natternkopf

Wenn ihr botanisch viel erleben wollt, braucht ihr nicht zu verreisen. Im Ruhrgebiet habt ihr alle Pflanzen der Welt auf einem Fleck.

Ursula StratmannKräuter-Expertin

Autobahnsonnenschein

Wir erkunden also fröhlich weiter, was die Natur so zu bieten hat. „Was haben wir denn hier für ein Schätzchen?“, hören wir unseren Tour-Guide trällernd rufen und alle Sinne richten sich wieder gen Grün am Wegesrand. „Wer kennt denn diesen Autobahnsonnenschein?“, fragt Ursula dann in die Runde, während sie eine gelbe Blüte in die Luft hält. Gemurmel in der Gruppe. Niemand weiß so recht. Und am Ende löst die Expertin auf: „Das ist das Schmalblättrige Greiskraut. Es kam 1880 nach Deutschland, als Samen in Schafwolle-Importen aus Südafrika. Nicht verwunderlich, dass es sich auf der warmen Halde wohlfühlt. Allerdings: Essen solltet ihr es nicht. In seiner Heimat wird es bei Hautleiden aufgelegt. Seine pilzwidrige und antibakterielle Wirkung ist wissenschaftlich belegt.“

Mitten im Haldenwald begegnet uns Ursulas Liebling: der Gundermann. „Von ihm reichen drei Blättchen am Tag, um gesund zu bleiben.“ Da greife ich doch direkt einmal zu. Der Geschmack: Irgendwie waldig. „Dieser Schatz ist das Hustenkraut und das Kraut gegen eitrige Wunden schlechthin. Der Tee bewirkt eine Anregung des Immunsystems und des Stoffwechsels sowie eine Entschlackung.“ Wir gehen weiter. Lassen Berg-Ahorne und Birken hinter uns und verlassen den menschgemachten Wald, den es so nur im Ruhrgebiet gibt. Ursula gibt preis, dass sie der Aufstieg der Halde immer an den Großglockner in den Alpen erinnere. Dort könne man genau wie hier die verschiedenen Vegetationsstufen beobachten, die sich mit zunehmender Höhe veränderten. Baumgrenze, Strauchgrenze, dann nur noch Kräuter und oben nichts mehr.

Schmalblättrige Greiskraut & der Haldenwald

Überirdisch

Ursulas umfassendes Pflanzenwissen beeindruckt mich. Sie kennt die Geschichte, Wirkung und Anwendungsbereiche jedes Pflänzchens. Das heißt aber keinesfalls, dass sich dieser Ausflug am Samstagvormittag nach einer Lehrstunde in Botanik anfühlt. Dafür sorgt Ursulas Leidenschaft, ihr Humor und ihr Augenzwinkern an der richtigen Stelle der Anekdote: „Schaut euch einmal diese überirdische Erscheinung an!“, ruft sie und deutet auf ein stacheliges Gewächs, während wir uns weiter die Halde hinauf in Richtung ihrer Spitze auf 106 Metern über dem Meeresspiegel bewegen. „Die Wilde Karde ist eine Anti-Aging-Wunderwaffe. Sie ist unheimlich bitter und regt deshalb das Immunsystem, den Stoffwechsel, die Blutbildung und Verdauung an. In ihren Stängelblättern sammelt sich übrigens das schon seit dem Mittelalter bekannte Schönheitswasser. Falls ihr noch schöner werden wollt, bedient euch.“, sagt Ursula und schmunzelt.

Wilde Karde & Bilderrätsel

Sich alles zu merken, was die Diplom-Biologin, Diplom-Kräuterfachfrau und Umweltberaterin erzählt, ist schier unmöglich. Ursula empfiehlt uns die App „Flora Incognita“, die per Foto dabei hilft, mehr Informationen über eine Pflanze ranzuschaffen. Keine App auf der Welt kann jedoch eine Kräutertour de Ruhr mit Ursula ersetzen. Schließlich schenkt die App keine Kräuterschnäpse aus, verschenkt Kräuter aus dem eigenen Garten, die der Mann dort nicht mehr haben möchte oder zeigt, wie man auf dem Japanischen Staudenknöterich flöten kann – und so vieles mehr, was in meinem Artikel gar keinen Platz mehr gefunden hat.

Text & Fotos: Britta Rübsam