In Witten wird seit einigen Monaten in Sachen Kultur ordentlich gerödelt – und neu gedacht. Der Stadtraum funke hier und da erste Signale. Diese Botschaft hat mich jedenfalls erreicht. Und jetzt, wo ich mitten auf dem Platz vom Saalbau stehe, sehe ich sie sogar: leuchtend! Der Saalbau Witten ist eine dieser klassischen Veranstaltungsstätten aus den 1970er Jahren, wie es sie in vielen mittelgroßen deutschen Städten gibt – groß, grau und praktisch. Damals von der Idee geleitet: Hier ist Platz für alle und alles.

Der Vorplatz vom Saalbau Neubar Witten

vom Saalbau zum Neubau

Die orangefarbenen Container, die von vielen ebenfalls signalfarbigen Sitzgelegenheiten und gleichfarbigen wehenden Flaggen flankiert werden, definieren den riesigen Vorplatz neu. In der Mitte, um die Skulptur „Platzgestaltung“ von Gerlinde Beck aus dem Jahr 1975, setzt eine Plattform einen weiteren Akzent: „Die Bühne dient als eine der Spielstätten für unser Sommerprogramm,“ erzählt mir Alissa Krusch, die seit Kurzem für die digitale Transformation der Kultur in Witten zuständig ist und mit mir zusammen durch die Stadt spaziert. „Im Moment probt dort auch regelmäßig eine Tango-Gruppe, die auf uns zukam. Und damit ist genau das passiert, was wir uns erhofft haben: Nicht wir haben die Entscheidungshoheit über das kulturelle Angebot. Die Wittener:innen bestimmen mit und Neues entsteht.“ Saalbau – Neubau. Der Name scheint Programm.

Der Beckplatz in Witten

Die Kulturbranche ist trotzdem noch ein Closed Shop, geprägt von Hierarchien und der Angst vor Fehlern. Wir müssen das System verändern, das in seiner Struktur problematisch ist.

Jasmin VogelKulturforum Witten

mut zum scheitern

Dieses Umdenken hielt in Witten mit Jasmin Vogel Einzug. Sie ist seit Oktober 2019 die neue Vorständin des Kulturforums der Stadt, das für das Management von Bibliothek, Märkischem Museum, Stadtarchiv, Kulturbüro sowie von Saalbau und Haus Witten zuständig ist. „Witten ist mit seinen Institutionen der Archetypus einer mitteldeutschen Großstadt. Von Beginn an hat mich interessiert, wie wir hier mit der Kultur wirksam Dinge verändern können, sodass sie einen Effekt auf eine lebendige Stadtgesellschaft haben.“, erzählt die Bochumerin, die seit zehn Jahren im Kultursektor unterwegs ist und ihn kritisch beäugt: „Wir müssen uns selbst hinterfragen. Seit 30 Jahren redet die Kulturbranche von Partizipation und lebt es nicht. Sie ist trotzdem noch ein Closed Shop, geprägt von Hierarchien und der Angst vor Fehlern. Wir müssen das System verändern, das in seiner Struktur problematisch ist. Und das können wir nur durch Experiment, Fehlerfreundlichkeit, Mut zum Ausprobieren, Mut zum Scheitern, Öffnung von Kontexten und durch die Abgabe von Macht und Deutungshoheit, heißt: Wenn wir andere Perspektiven zulassen, werden sich die Inhalte verändern und das müssen wir lernen auch auszuhalten.“

"please don't touch"

Ich sehe heute erste Früchte dieser Idee, mitten auf dem am meisten frequentierten und passierten Platz der Stadt, vor einer der prominentesten Stätten Wittens. Vor dem Saalbau kommt die Kultur zu den Leuten, streckt ihnen die Hand aus. Sie säht zarte Pflänzchen und setzt bunte Zeichen. Die Designer*innen von „please don’t touch“ haben den Durchgangsplatz mit ihrem Konzept mit Aufenthaltsqualität bestückt – und ihn zu einem Ort der Ko-Produktion gemacht, eine Bühne für alles mögliche geschaffen und einen Naturgarten angelegt, der zu (digitalen) Workshops zum Bau und der Bewirtschaftung von Hochbeeten dient(e) und zudem ziemlich hübsch aussieht. Die Baucontainer ermöglichen dem Stadtarchiv die Präsentation ihrer Projekte zu kulturhistorischen und gesellschaftspolitischen Themen – und wie könnte es anders sein? Es geht dabei auch um die Entwicklung der Stadt mit ihren unterschiedlichen Menschen und Räumen.

Bild von Witten Kulturforum

plateau und tanz

Perspektivwechsel: Von der Terrasse des Saalbaus aus ist nicht nur das ganze Vorplatz-Ensemble in Gänze zu betrachten. Hier präsentiert sich auch Frauke Dannerts Arbeit „Plateau“. Sie greift die polygonale und mehrere Ebenen umfassende Architektur des Saalbaus auf und schafft eine für alle zugängliche Verlängerung des Innenraums nach außen – eine weitere Bühne für neue Ideen, die einen öffentlichen Ort suchen. Die Tänzerin Yurika Yamamoto hat ihn sich im vergangenen Jahr bereits zu eigen gemacht.

„Auch auf dem Parkplatz hinter dem Saalbau schaffen wir Platz, genau genommen entsteht eine ganze Zeltlandschaft.“, erzählt mir Alissa Krusch. „Für unseren Kultursommer haben wir zusammen mit vielen Akteur*innen aus der freien Szene Wittens darüber gesprochen, was sie brauchen, uns Orte geschnappt und frei geräumt, damit sie programmatisch neu interpretiert werden können. In dieser kollaborativen Form bespielen wir übrigens auch unseren Instagram-Kanal.“ Und so wandelt sich Witten: im Außen sicht- und erlebbar, aber vor allem im Hintergrund bei der Herangehensweise in Sachen Kulturarbeit. Mit dieser „strukturellen Veränderungsorientierung“ ist das Kulturforum im letzten Jahr kurzerhand zum ersten Preisträger von ZukunftsGut der Commerzbank-Stiftung geworden. Auch und vor allem deshalb, weil Witten dem Digitalen eine Hauptrolle zuschreibt. Das ist nichts, was irgendwie mitläuft, nein: Digitale Transformation wird als Thema und vor allem als Methode zur Öffnung von Kulturarbeit in jedem Schritt mitgedacht. Und genau dafür ist Alissa Krusch mit – man höre und staune – einer Vollzeitstelle da:

„Manchmal komme ich mir vor wie eine kleine Drohne, die durch Witten fliegt und beobachtet, Verknüpfungen herstellt, Impulse gibt oder auch mal schnell einspringt. Der Wandel zu mehr Digitalität passiert ja gerade überall gleichzeitig, in der Vorstellung und im Tun. Die Überführung in ganz konkrete Projekte ist das, was vielen schwer fällt. Genau dann zur Stelle zu sein und zu ‚übersetzen‘, das reizt mich. Dass unser Ansatz funktioniert, ist toll zu erleben. Vor einigen Tagen haben wir die Nachricht bekommen, dass wir dank einer Förderung bald unser Digitallabor im Saalbau realisieren können. Es soll ein neuer Ort für Content-Produktion und die Kreation neuer Formate werden. Wir stellen uns da eindeutig mehr vor als die immer gleichen Livestreams, in denen einer erzählt und die anderen zuhören!“

#heimatortwitten

Das riesige Grafitti an der Fassade des Verteilerhauses der Telekom am Humboldtplatz im Wittener Wiesenviertel – dem lebendigsten Quartier Wittens – ist ein weiteres Produkt dieser partizipativen Vorgehensweise. Es erzählt die Heimatgeschichten vieler Wittener:innen, mit denen das Projekt-Team zusammen mit dem Storylab Kiu der FH Dortmund gesprochen hat. Diese Gespräche dienten dem Künstler Choko als Inspirationsquelle für seine Spraykunst. Wieder ist viel orange. Seit ein paar Wochen gibt es dort aber nicht nur Farbe zu sehen, sondern auch auf die Ohren: Alle, die einen der drei Telefonhörer von der Gabel nehmen, erfahren noch mehr darüber, was den #heimatortwitten für die Befragten ausmacht und wie er sich so anhört.

„Wir wollen gar kein Leuchtturm sein. Unbewegliche Leuchttürme gibt es im Kultursektor schon genug.“, sagt Jasmin Vogel. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Witten doch zumindest Leuchtfeuer an alle sendet, die wirklich empfänglich für partizipative Kulturarbeit sind und Lust haben, Produktionstechniken und Strukturen in der Kultur aufzubrechen. Nicht zuletzt unter Berücksichtigung digitaler Mittel und Methoden. Natürlich unter Vorbehalt von Fehlern, vom Scheitern und vom neu und beim nächsten Mal anders machen. Ich finde das sehr sympathisch.

fotos & text: Britta Rübsam